Die berufliche Karriere nach der Karriere als Spitzensportler

„Das Leben nach dem Spitzensport“ war am 10. Mai 2010 Thema der „Sportlounge“ des Schweizer Fernsehens:

Der Rücktritt ist einer der grossen Schritte im Leben von Spitzensportlern. Meist ein Schritt aus dem Rampenlicht […] hinein in ein neues Leben, das es erst zu formen gilt. Die Suche nach […] einer neuen wirtschaftlichen Existenz bezeichnen viele Spitzensportler als eine sehr schwierige Lebensphase und ist häufig mit dem vielzitierten Fall in ein «Loch» verbunden.

In dieser Sendung diskutierten die Moderatorin Regula Späni und die ehemaligen Sportgrössen Anita Weyermann (Leichtathletik), Marco Büchel (Ski) und Patrick Fischer (Eishockey) darüber, mit welchen Schwierigkeiten sie konfrontiert waren bzw. werden und wie sie den Umstieg geschafft bzw. wie sie ihn angehen wollen:
sportlounge vom 10.05.2010

Besonders beeindruckt hat mich zum einen die Offenheit der Sportler, mit der sie über die eigenen Unsicherheiten und die Stolpersteine gesprochen haben. Zum anderen war es für mich aus beruflicher Sicht ebenso interessant, von Matthias Zurbuchen (Swiss Olympic, Bereichsleiter Athletensupport) zu hören, wie Swiss Olympic und die Sportverbände die Spitzensportler/innen nach, aber auch schon während der Karriere als Spitzensportler mit einem breiten Programm unterstützen.

Mich hat das Thema gleich dreifach interessiert: als Sohn eines früheren Spitzensportlers (u.a. Olympiateilnehmer 1948 in London), Supporter von Janick Schalch (Speedskating, Nationales Inline-Kader) und als Job- und Karriere-Coach. Und deshalb habe ich heute Matthias Zurbuchen angerufen und mit ihm ein ausgesprochen interessantes, über 30-minütiges Telefongespräch geführt.

Aus diesem Gespräch sind bei mir einige Punkte „hängen“ geblieben, die für meine Leserinnen und Leser auch interessant und anregend (im Sinne von Denkanstössen) sein dürften:

  • Eine frühe Unterstützung, bereits während der Sportkarriere ist wichtig. Zum einen kann sich der Sportler so besser auf seinen Sport konzentrieren, wenn er weiss, dass er sich parallel auf die „Zeit danach“ aktiv vorbereitet. Zum anderen erhöhen die Sportorganisationen die Attraktivität für angehende Spitzensportler, diesen Schritt zu wagen.
    Das ist durchaus vergleichbar mit der Denkhaltung attraktiver Unternehmen bzw. Arbeitgeber: sie entwickeln ihre Mitarbeiter grundsätzlich und mit Blick auf die Arbeitsmarktfähigkeit weiter (Ausbildung, Coaching) und unterstützen sie im Fall eines Austritts (Outplacement-Beratung).
  • Spitzensportler haben oft und aus naheliegenden gründen Mühe mit dem Umstieg: aus einer Welt, in der sie „top“ und anerkannt sind, wechseln sie in eine Welt, in der sie fast bei Null anfangen und vieles lernen müssen, was andere schon können. Vom bekannten Star zum ratlosen Praktikanten.
    Das ist im traditionellen Berufsleben aber nicht komplett anders: wer neue Aufgaben (inner- oder ausserhalb des Unternehmens) übernimmt, kommt in der Regel aus einer Position, in der er als kompetent gilt (und sich selbst auch so wahrnimmt). Im neuen Job ist das von einem Tag auf den nächsten anders: man muss sich die Anerkennung und das Selbstvertrauen wieder erarbeiten. Und das gelingt besser eindeutig, wenn man sich dessen bewusst ist und deshalb nicht so schnell an sich und seinen eigenen Fähigkeiten zweifelt!
  • Viele, vor allem Mannschaftssportler, haben eine zusätzliche Hürde zu nehmen. Sie sind es aus ihrer aktiven Zeit gewöhnt, dass das Leben von anderen bestimmt, geregelt und organisiert wird: der Trainer, der Manager, der Physiotherapeut, der Sportfunktionär – andere legen fest, was wann zu tun ist. Dass die Sportler das jetzt nun alles selber tun müssen, fordert besonders: sie haben es schlicht und einfach nie lernen können.
    Diese Situation findet man im „normalen“ Berufsleben vor allem bei jugendlichen Berufseinsteigern. Diese kennen den streng reglementierten und strukturierten Schulbetrieb bestens. Mit dem Berufseintritt müssen sie aber Schritt für Schritt lernen, den immer grösser werdenden Spielraum zu gestalten und zu nutzen. Der Unterschied: der Chef ist sich dessen bei einem jungen Berufseinsteiger bewusst, bei einem erwachsenen Athelten nicht – und das führt zu Enttäuschungen. Beim Chef genauso wie beim ehemaligen Spitzensportler!
  • Was in beiden „Welten“ aber absolut identisch ist: ohne das Bewusstsein und den Willen des Betroffenen nützt das beste Angebot von Verbänden, Coachs und anderen wenig! Wer nicht erkennt, dass das Annehmen von Unterstützung von aussen clever und nicht ein Zeichen von Schwäche ist, wird’s ohne Zeifel schwerer haben.

Die Sendung im Schweizer Fernsehen und das Gespräch mit Matthias Zurbuchen haben mir interessante Einblicke und wertvolle Denkanstösse für meine Tätigkeit als Job-Coach gegeben.

Welche Erfahrungen haben Sie mit diesem Thema gemacht? Als Spitzensportler/in oder als jemand, der/die den Quereinstieg eines ehemaligen Topathleten/einer ehemaligen Topatheltin direkt miterlebt hat? Ich freue mich über Ihre Voten als Kommentar zu diesem Artikel!

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